Santa goes Agile | different-thinking

Santa goes Agile

Der Weihnachtsmann ist alt, fast so alt wie die Menschheit. Der Weihnachtsmann geht mit der Zeit. Was passiert, wenn im Weihnachtsmanndorf einer auf die Idee kommt Scrum einzuführen??


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„Wollen Sie vorher wissen, was Ihnen der Weihnachtsmann unter den Baum legt?“ macht Bastulus seinem aufgestauten Ärger Luft. Mehr als zwei Stunden ist er nun mit zwölf anderen Meistern der Geschenkefertigung in einen engen, heißen Raum eingepfercht. Sein erster Gedanke zu Beginn der Besprechung war: „Da haben es ja die Rentiere besser – die können sich wenigstens ins Freie flüchten.“ Das war ihm nicht vergönnt.

Es war ein ungewöhnlich warmer Sommertag am Nordpol im Weihnachtsmanndorf. Einer dieser Tage, von denen es seit einigen Jahren immer und immer mehr gibt: Ein laues Lüftchen schwebt wie eine Zuckerwattenduftwolke durch das Dorf: warm und wohlduftend. Die Bewohner genossen dies. Endlich ein Sommer, der über Null Grad hatte. Endlich keine Winterstiefel im Sommer. Gut, es waren sonst immer die leichten Winterstiefel. Aber ganz ohne, das kannten die meisten Bewohner des Dorfes nicht.
Doch die Situation hatte auch einen Nachteil: Der sonst immer gefrorene Boden des Weihnachtsmanndorfes taute auf. Es waren keine Wege mehr, sondern Schlammbahnen, nein, eher Schlammsulen, so wie sie die Schweine so sehr lieben.

Die Magie des Weihnachtsfestes

Und genau das ließ den kleinen, in Südrichtung gelegenen Raum noch katastrophaler wirken als er so schon war. Die Sonne knallte schon den ganzen Tag rein und die Schlammreste an den Füßen entwickelten einen anfangs wohlriechenden Duft, der inzwischen nur noch nach Modder der schlimmsten Art stank.

Sicher hat auch das zum Wutausbruch von Bastulus beigetragen, aber das was, dieser Senior Consultant Agile Execution da von sich gab, war hanebüchen. Der verlangte doch tatsächlich, dass die Kinder ganz genau beschreiben müssen, wie die Geschenke aussehen und welche Eigenschaften sie haben sollen. Ein Wunschzettel reicht da nicht mehr. Woher sollen denn die Production-Teams wissen, was sie genau herstellen sollen. Nein, da müssen Geschenkestorys her. Sonst weiß doch keiner, was die Kinder wirklich wollen, so das Argument.
Bevor der Berater antworten kann, fährt Bastulus verzweifelt fort: „Das ist doch Teil der Magie des Weihnachtsfestes: Die Kinder schicken ihren Wunschzettel zum Weihnachtsmann. Sie bekommen dann am Heilig Abend ein Geschenk, welches viel mehr ist, als das was sie sich in den kühnsten Träumen hätten ausmalen können. Genau das ist Weihnachten.“ „Das kann doch gar nicht funktionieren.“, erwidert Franz Fäustchen, Berater bei der Firma Schönwetter, „Sie müssen ganz genau wissen, wie das Geschenk aussehen soll. Nur so können Sie es liefern und der Kunde ist zufrieden. Deswegen mach wir das doch hier alles.“

Bastulus wirft unentwegt den Kopf von links nach rechts. Ihm reicht es. Er ist kurz vorm platzen. Er steht auf, dabei fällt sein Stuhl laut krachend um. Der Morast hatte sich inzwischen von den Schuhen der Wichtel gelöst und im ganzen Raum verteilt. Bastulus konnte den Stuhl nicht halten. Er war so wütend, dass ihm das in diesem Moment egal war. Er ging raus, knallte die Tür zu und stapfte direkt zu den Rentieren.

Nichts gelernt?

Dort angekommen, ließ er sich in das duftende Sommerstroh fallen und atmete tief durch – so tief und laut, dass die Rentiere schauten und sich fragten, was denn nun schon wieder sei.
In den letzten Wochen ist Bastulus oft hier, um sich von den Beratern und deren Vorstellungen zu erholen.
„Oh man! Und ich dachte, nach der Pleite mit dem Geschenkeservicemanagement und GiftNow, passiert so was nicht noch einmal.“, rief er halblaut aus – die Rentiere hörten es trotzdem. „Dabei hatte es doch so vielversprechend angefangen“, dachte Bastulus laut und erinnerte sich, wie er das erste Mal von Scrum gehört hatte.
Es war ein Jahr nach dem ersten gescheiterten Versuch, Geschenkeservicemanagement und GiftNow einzuführen. Der Weihnachtsmann, Schenkulus und alle anderen hatten sich im Frühjahr nach dem Beinahedesaster hingesetzt und sehr lange und ausführlich über alles gesprochen: Was wollten wir eigentlich erreichen? Wo bringt uns Geschenkeservicemanagement einen Nutzen? Wie können wir GiftNow einsetzen, damit es uns hilft und nicht behindert? Wie genau wollen wir es umsetzen?
Es war wundervoll – alle sprachen offen über das was funktioniert und wo man besser werden kann. Daraus hat sich auch etwas Wunderbares entwickelt: Das letzte Weihnachtsfest lief wirklich besser als alle anderen davor. Es lief einfach alles richtig rund.

Naja, nicht alles, erinnerte sich Bastulus. Da gab es diese neuartigen Geschenke. Die Geschenke, die vor allem aus Software bestanden. Die Kinder wünschten sich immer mehr Spielekonsolen, Handys und anderen elektronischen Firlefanz.
Natürlich hatte der Weihnachtsmann sofort reagiert und eine neue Werkstatt nur für diesen Kram errichtet. Doch dort lief es nicht rund. Über die Handys mit dem Namen ChristmasPhone waren viele Kinder nach kurzer Zeit sehr enttäuscht.
Das haben natürlich auch die Wichtel in der neuen Werkstatt mitbekommen. Es war von Anfang an Wahnsinn. Der Weihnachtsmann hatte im Frühjahr die Idee, die neumodischen Geschenke zukünftig in einer eigenen Werkstatt selbst zu fertigen. Binnen weniger Wochen hatte Schenkulus die Werkstatt aufgebaut und die jungen Wichtel, die gerade ihre Schule beendet hatten, auf die neue Aufgabe vorbereitet. Das Wichtigste war, dass die Wichtel das Programmieren lernten. Es war allen klar, dass die Software entscheidend ist.
Neben den Absolventen der Weihnachtswichtelwunder-Schule waren da noch andere junge Wichtel, die sich für die neuen Geschenke interessierten und das Programmierhandwerk erlernen wollten. Unter ihnen war auch Fridolin. Fridolin arbeitet bisher in der Verpackungsabteilung. Er war auch der Wichtel, der den Weihnachtsmann vor dem Beinahedesaster rund um das Geschenkeservicemanagement bewahrt hatte.

Fridolin kannte sich mit dem neumodischen Kram, so nannte der Weihnachtsmann das alles, schon gut aus. Er hatte auch schon angefangen sich selbst das Programmieren beizubringen. Er hatte Talent. Das erkannte Oberwichtel Schenkulus sehr schnell und beförderte ihn zum Meister der Software-Werkstatt.
Dass das die richtige Entscheidung war, sah Schenkulus schnell bestätigt. Im Juli waren die Vorbereitungen abgeschlossen und die Wichtel begannen ihre Arbeit am ChristmasPhone. Der erste Prototyp war schon im August fertig und alle im Weihnachtsmanndorf so begeistert, dass sich die Entwickler-Wichtel gar nicht vor Ideen und Anforderungen retten konnten.
Sie arbeiteten Tag und Nacht. In drei Schichten. Um überhaupt eine Chance zu haben, lieh sich der Weihnachtsmann noch Programmierer vom Osterhasen. Das Licht in der Werkstatt ging nie aus.

Konsequenzen

Es fehlte nicht am Einsatz aller – nein im Gegenteil, es wurde unwichteliges geleistet. Dennoch waren die Kinder, die das ChristmasPhone unter dem Tannenbaum liegen hatten, nach kurzer Zeit schon total enttäuscht. Das Telefon lief nicht stabil, es gab kaum Apps und langsam war es auch noch.
Fridolin und seine Wichtelkollegen waren am Boden zerstört. Als Schenkulus nach dem Fest in die Werkstatt kam, sagte er: „Wenn ich euch so sehe, dann erinnert ihr mich an Trauerweiden. Was ist denn los?“

Fridolin erwiderte darauf: „Wir hatten so viele Anforderung, der geplante Leistungsumfang wurde immer größer, der Fokus änderte sich von einem einfachen Telefon zu einem mobilen Multimediadevice. Wir haben Tag und Nacht daran gearbeitet. Und dann so eine Katastrophe. Kaum ein Kind ist mit dem Geschenk zufrieden – keines ist glücklich. Das geht so nicht weiter, Schenkulus“ Fridolin legte eine Pause ein. Er wartete bis zu seinem nächsten Satz. Der Oberwichtel traute sich nicht, die Stille mit seinen Worten zu stören. „Wir müssen was ändern!“ sagte, ja schrie Fridolin fast dem Oberwichtel entgegen. „Und ich weiß auch schon wie und was wir ändern.“
Nun war Fridolin nicht mehr zu stoppen. Er sprach von Teams, Planungsrunden, Verantwortung, Geschenke-Ownern, Schätzung, fixen Lieferterminen, Abnahmen und noch ganz vielen anderen Sachen, die seine Kollegen und Schenkulus nicht komplett verstanden.

„Warte, warte Fridolin. So geht das nicht. Wir produzieren die Geschenke schon immer so und das funktioniert in allen anderen Werkstätten auch. Nur hier bei Euch mit den neumodischen Geschenken funktioniert das nicht.“, erwiderte Schenkulus barsch und fuhr fort: „Ich glaube, es war ein Fehler das wir Euch jungen, unerfahrenen Wichtel gleich so viel Verantwortung übertragen haben.“ Den Wichteln fielen fast die Augen aus dem Gesicht, als sie die Worte von Schenkulus vernahmen. Fridolin rang nach Luft und Worten. Der Oberwichtel ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Deswegen habe ich Bastulus gebeten, die Führung Eurer Werkstatt zu übernehmen. Damit wollen wir vermeiden, dass es nächstes Weihnachten wieder so ein Desaster gibt.“
Bastulus war der erfahrenste aller Meister der Weihnachtsmannwerkstätten. Keiner, außer vielleicht der Weihnachtsmann selbst, wusste, wie viele Weihnachtsfeste Bastulus bereits erlebt hatte. Alle, auch Fridolin und seine Kollegen, hatten großen Respekt vor Bastulus. Trotzdem fühlte es sich völlig falsch an, dass Schenkulus so auf das Desaster reagierte und Fridolins Ideen überhaupt nicht beachtete.

Der Neusstart

Zwei Tage später lud Bastulus die Kollegen der Software-Werkstatt zu sich nach Hause ein. Es war ein bitter kalter Tag Ende Januar im Weihnachtsmanndorf. Die Wichtel beeilten sich, dass sie den Weg zwischen zu Bastulus so schnell wie möglich hinter sich brachten.
Schon als sie die Tür zum Haus öffneten, kam Ihnen der Duft von heißem Kakao und frischen Plätzchen entgegen. Es war warm im Haus. Im Kamin knisterte ein Feuer und alle hatten sich ruck-zuck wieder aufgewärmt.

Da saßen Sie alle bei Bastulus in der guten Stube, tranken Kakao, aßen Plätzen und schwiegen. Da sagte Bastulus: „Erzählt mal, was ist denn letztes Jahr so alles passiert?“
Die Wichtel erzähltem von allem: den vielen Ideen, der unklaren Richtung, der neuen Welt des Programmierens, dem unerbittlichen Arbeiten Tag und Nacht. Bastulus hörte zu, fragte nach und nickte viel.

Als die Wichtel fertig waren, gab es für alle neuen Kakao und Plätzchen. Dann fragte Bastulus wieder: „So wie ich Euch kenne, habt Ihr doch bestimmt eine Idee, wie wir es dieses Jahr besser machen können.“ „Na klar!!“, brach es aus Fridolin raus. „Na dann erzählt mal.“, antwortet Bastulus kurz.
Und das taten die Wichtel. Sie erklärten Bastulus was agile Softwareentwicklung ist und wie das Vorgehensmodell Scrum dabei helfen würde.
Keiner merkte, dass vier Stunden vergangen waren und der Kakao inzwischen kalt und die Plätzen alle waren. Sie redeten und redeten.
Draußen war es schon dunkel. Da sagte Bastulus: „Ich fasse mal zusammen, was ich verstanden habe und Ihr berichtigt mich bitte, wenn ich es falsch verstanden habe:
Die Grundaussage ist, dass der Liefertermin am 24. Dezember fest steht. Richtig, da müssen die Geschenke bei den Kindern sein. Was auch wenig Variabilität hat, ist die Anzahl der Entwickler. Ok. Auch wenn wir die mit den Kollegen vom Osterhasen wieder aufstocken sollten, ist es eine begrenzte Zahl. Den Schluss, den Ihr daraus zieht, ist, dass nicht schon jetzt im Januar und Februar festgelegt werden kann, was das neue ChristmasPhone am 24. Dezember alles können werden wird. Das verstehe ich – wir wissen ja noch gar nicht, was alles auf uns zukommt, wie viel wir schaffen und wie aufwendig es wird.

Der Vorschlag ist, dass wir so schnell wie möglich herausfinden, was wir überhaupt in einer gewissen Zeiteinheit schaffen können, um so eine gewissen Vorhersagbarkeit zu erreichen. Klingt gut für mich. Um das zu erreichen, wollen wir die Entwicklungsarbeit wochenweise planen und immer wieder überprüfen, ob das, was wir tun und wie wir es tun, gut und richtig ist. Klingt für mich auch sehr vernünftig. Es wundert mich, dass Schenkulus Eure guten Ideen nicht aufgegriffen hat.“
Nachdem Bastulus eine neue Kanne Kakao aufgesetzt hatte, sprach er weiter: „Lasst uns darüber sprechen, was Ihr braucht, damit wir starten können.“
Fridolin erwiderte darauf: „Alva, Du hast Dich am meisten mit Scrum beschäftigt.“ Alva, die Jüngste der Wichtel aus der neuen Werkstatt, zappelt schon lange in ihrem gemütlichen, weichen Ohrensessel hin und her – von vorn nach hinten, von links nach rechts.

Scrum

Wie ein angestochener Luftballon legte Alva nun los: „Also, das ist alles ganz einfach, wir brauchen ein Geschenke-Owner, ein Backlog, einen Scrum-Master und dann geht es schon los. Was auch ganz wichtig ist“, da wird sie von Bastulus unterbrochen: „Langsam, langsam, ich möchte mir ein paar Notizen machen und auch verstehen, was wir brauchen.“ Alva lächelte ein wenig verschämt und startete von vorn: „Es ist wichtig, dass wir jemanden haben, der die Anforderungen aus all den vielen Kanälen aufnimmt, diese in eine bearbeitbare Form bringt und dann diese Liste, das ist das Backlog, priorisiert. So wissen wir, woran wir die nächsten Wochen arbeiten sollen. Für diese Anforderungen schätzen wir den Aufwand. Wenn wir dann wissen, was wir in einer Woche schaffen, dann ist das was zu Beginn eingeplant wurde, am Ende der Woche auch fertig.“ Alva holt Luft und Bastulus nutzt die Chance für eine Frage: „Wer soll denn der Geschenke-Owner sein.“
Fridolin antwortete: „Das ist meiner Meinung nach die schwierigste Frage. Das Aufbereiten der Anforderungen können wir übernehmen. Anforderungen an sich gibt es auch schon genug. Was wir nicht wissen, ist, welche Anforderungen für die Kinder am wertvollsten sind. Da können wir uns was ausdenken, liegen aber wahrscheinlich daneben.“

Alva bestätigte das und führte weiter aus: „Idealerweise ist das jemand, der zur Kundengruppe gehört oder ganz viel mit denen spricht. Nur so können wir sicherstellen, dass wir an den richtigen Dingen arbeiten.“ Bastulus überlegte: „Fridolin, erinnerst Du Dich noch an den Jungen, der die eMail an den Weihnachtsmann gesendet hatte, als er keinen Antwortbrief bekam?“ „Ja klar, das ist Erik. Mit dem maile ich immer mal wieder. Warum fragst Du?“ „Naja, wie alt ist der jetzt?“ „Erik ist im Sommer 10 geworden.“ Bastulus nickte und sprach weiter: „Gut, dann gehört er ja zu den Kindern, die sich ein ChristmasPhone wünschen könnten, oder?“ „Ja, genau.“, antwortete Fridolin aufgeregt. „Ich glaube ich weiß wo Du hin möchtest. Erik hat letztes Weihnachten auch ein ChristimasPhone geschenkt bekommen. Der hat sich vielleicht gefreut. Allerdings nach wenigen Tagen war die Freude verflogen. Du meinst, wenn wir ihn und seine Freunde bitten, die ganzen Anforderungen zu gewichten, dann kommen wir zu unserer priorisierten Liste, oder?“ „Ja genau, wer kann das besser als die Kinder selbst. Und wenn sie dann noch ein ChristmasPhone der ersten Version besitzen.“, sprach Bastulus seinen Gedanken aus.

So saßen die Wichtel noch bis tief in die Nacht zusammen und schmiedeten Pläne. Alva wurde Scrum-Master, Fridolin zusammen mit Erik der Product-Owner und das Team begann am nächsten Tag mit der Arbeit.

Das Gleichnis

Wenige Wochen später kam Schenkulus und wollte von Bastulus wissen, wann das neue ChristmasPhone mit all den Anforderungen fertig sein wird.
„Ich lade Dich zu einem Kakao ein, Schenkulus.“, so eröffnete der Werkstattmeister das Gespräch. „Erinnerst Du Dich als wir das erste Mal einen Teddy für die Kinder produziert haben?“ „Ja, klar, das war eine tolle Zeit und wie sich die Kinder dann gefreut haben.“, erwiderte Schenkulus sichtlich erfreut.
„Ja und das hat alles so super geklappt vom ersten Plan bis zum fertigen ersten Teddy.“, sprach er weiter. „Genau, ich erinnere mich noch als wäre es gestern. Wir haben tagelange im Wald ausgeharrt und die Bären in der Nähe unseres Dorfes beobachtet. Käthe hat dazu wunderbare Zeichnungen angefertigt und Erich hat ganz detaillierte Baupläne erstellt. Auf Basis dieser habt Ihr dann in der Werkstatt die Teddys gefertigt. Das war ein Erfolg auf ganze Linie.“

Daraufhin erwiderte Bastulus: „Gut, wo können wir denn so ein ChristmasPhone uns anschauen? Hast Du eine Idee, Schenkulus?“ Der angesprochene erwiderte: „Du, das geht doch nicht. Das ist doch was ganz Neues, so was gibt es nicht. Weder in der Welt der Menschen, noch in der Natur oder hier am Nordpol. Das ist ja das Geniale daran.“ „Aha, da hast Du Recht.“, bestätigte der Werkstattmeister. „Wir machen da was ganz Neues, niemand weiß, ob das, was wir uns alle wünschen, überhaupt geht und wie es gemacht wird. Verstehst Du Schenkulus: Wir haben keine Zeichnungen und keine Pläne. Wir können nichts einfach nachbauen. Wir schaffen was ganz Neues. Deswegen kann ich Dir heute nicht sagen, wann all die Anforderungen umgesetzt sind.“
Schenkulus stutzte und wurde rot im Gesicht. Bevor er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, sprach Bastulus weiter: „Was ich Dir verspreche, ist, dass wir am 24. Dezember ein ChristmasPhone den Kindern unter den Baum legen, welches gut funktioniert und die wichtigsten Anforderungen der Kinder erfüllen wird. Wir haben dazu ein Vorgehen etabliert, welches uns das ermöglicht und es wird niemand enttäuscht sein.“ Schenkulus guckte verdutzt und brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um zu antworten: „Ich schätzte Dich sehr lieber Bastulus, deswegen stelle ich meine Skepsis zurück und bitte Dich, mir zu erklären, wie das funktionieren soll.“
Bastulus und Schenkulus redeten nun die nächsten drei Stunden über das neue Vorgehensmodell. Dabei leerten sie vier Kannen heißen, köstlichen Kakao und aßen Unmengen von Plätzchen. „Gut, dann lass uns das mal so ein paar Wochen ausprobieren und dann schauen wir, wie es sich entwickelt.“ Mit diesen Worten beendete Schenkulus das Gespräch und kehrte zurück in sein Büro.

Der Fluch des Erfolgs

In den nächsten Wochen arbeiteten die Wichtel in der Software-Werkstatt fleißig und konzentriert am neuen ChristmasPhone. Sie fanden heraus, wie viele Plätzchen, so nannten Sie die Schätzgröße für die Anforderungen, sie pro Woche schaffen.

Die Priorisierung mit Erik lief auch sehr gut. Er hatte noch ein paar Mitschüler eingebunden, ohne zu verraten, dass er für den Weihnachtsmann arbeitet. So stand schon im März ein erster Prototyp, der ganz viele neue Funktionen beinhaltete. Dieser wurde dann von den Elfen, Wichteln und Engeln im Weihnachtsmanndorf getestet. Das Feedback lief als neue Anforderungen ins Backlog ein und wurde zusammen mit den übrigen Anforderungen von Erik priorisiert.

Schenkulus beobachtete die Werkstatt und das Ergebnis sehr genau. Als er endlich den ersten Prototypen in der Hand hielt und den mit dem ChristmasPhone vom letzten Jahr verglich, war er sich sicher: Das neue Vorgehensmodell ist genau das Richtige. Er rannte zum Weihnachtsmann und erzählte ihm alles, was er wusste und wie toll dieses Scrum sei.
Der Weihnachtsmann saß in seinem große, weichen Ohrensessel, hatte eine dampfende und duftende Tasse Zimtkakao in der Hand und sprach zu seinem Oberwichtel: „Ich erinnere mich noch an Deine Begeisterung für das Geschenkeservicemanagement. Davon haben wir uns auch sehr viel versprochen. Und erst nach drei Jahren haben wir das zu einem verträglichen Ende gebracht, Schenkulus “ – der angesprochene unterbrach den Weihnachtsmann: „Dieses Mal ist alles anders. Wir haben es doch hier bei uns im Dorf ausprobiert. Wir wissen, wie es funktioniert und noch wichtiger, wir wissen dass es funktioniert. Überleg Dir doch mal, was das für die gesamte Geschenkeproduktion bedeutet! Jetzt im März ist ein ChristmasPhone fertig, welches wir so an die Kinder liefern können – im März! Überleg mal.“

Der Weihnachtsmann erwiderte: „Was hast Du jetzt vor?“ „Wir sollten dieses Scrum überall im Weihnachtsmanndorf etablieren. Alle Werkstätten umstellen.“ Ohne Luft zu holen, fuhr Schenkulus fort: „Wenn das genau so schnell geht, wie in der neuen Werkstatt, dann können wir das noch dieses Jahr umstellen und sind dann bestimmt schon im November mit der Geschenkeproduktion fertig. Ich habe mich auch mal umgehört, das machen jetzt ganz viele. Selbst die Zahnfee hat letztes Jahr schon auf Scrum umgestellt.“ Der Weihnachtsmann guckte skeptisch und überlegte. Er überlegte lange – ganze zwei Tassen Kakao dauert es, bis er antwortete: „Schenkulus, ich habe Zweifel, dass das für unsere althergebrachte Spielzeugwerkstätten, und die Bäckerei das richtige Vorgehen ist. Doch wenn Du sagst, dass uns das hilft noch besser zu werden, dann lass es uns probieren. Wie wollen wir vorgehen.“

„Sehr gute Entscheidung Weihnachtsmann, sehr gute Entscheidung. Die Transformation für alle Werkstätten schaffen wir nicht allein. Die Kollegen aus der Software-Werkstatt sollen sich auf das ChristmasPhone konzentrieren. Die können wir dafür leider nicht einsetzen. Deswegen habe ich schon mal einen Termin mit einem Beratungsunternehmen gemacht.“ „Oh NEIN Schenkulus, nicht schon wieder.“ polterte der Weihnachtsmann so stark, dass selbst die Rentiere im angrenzenden Stall einen Schreck bekamen. „Wir haben doch beim letzten Mal gelernt, was passiert, wenn wir das Ruder den Beratern überlassen. Lass uns das doch Schritt für Schritt selbst umsetzen.“ „Nein Weihnachtsmann, wenn wir noch dieses Jahr Scaled Agile, SaFE und Scrum einführen wollen, dann müssen wir das in einem Big Bang erledigen – dafür brauchen wir die Berater!“, erwiderte Schenkulus schnell. „Ich weiß zwar nicht, wovon Du redest, aber ich gehe davon aus, dass Du aus dem Desaster gelernt hast. Also gut, mach was Du für richtig und gut für unser Dorf hältst.“

Lasst die Spiele beginnen

Schenkulus hatte nun grünes Licht und stürzte sich gleich in die Arbeit. Sicher, er hatte aus dem Desaster mit dem Geschenkeservicemangement gelernt und trotzdem beauftragte er wieder das gleiche Beratungsunternehmen. Die Unternehmensberatung war ja inzwischen total agil. Die haben alles umgekrempelt. Selbst der Herr Kannich war nicht mehr Senior Vice President Fastforward sondern nun CEO der neu gegründeten Sparte „Agility“ und seine neuen Visitenkarte wies ihn als Chief Executive Agile Coach aus. Die anderen Berater waren alle neu. Alle jung und hatten den richtigen Drive, wie Herr Kannich Schenkulus versicherte. Auch die Tagessätze waren anders – höher. Nun kostet selbst der Junior Agile Coach 1.500 € am Tag.

Ende März war es dann soweit: Das Transformationsprojekt wurde gestartet. Es wurden die zukünftigen Geschenke-Owner und Scrum-Master bestimmt. Aufgrund der vielen Geschenke waren das verdammt viele Personen, die zur Schulung mussten. Leider war das wunderschöne Tagungshotel in Donaunähe immer noch wegen Renovierung geschlossen. Deswegen fanden die Schulungen direkt im Weihnachtsmanndorf statt. Natürlich lähmte das Projekt die Produktion für das kommende Weihnachtsfest. Die meisten Wichtel, Elfen und Engel verstanden nicht, warum es jetzt all diese Meetings, Backlogs und Rollen gab. Es gab aus Ihrer Sicht nichts, was eine derartige Veränderung notwendig machte: es sind zum größten Teil immer noch die gleichen Produkte wie in den letzten Jahren. Darauf gab es nur eine Antwort durch die Beratungsfirma: Wir brauchen Agile Coaches. Ehe die gefunden waren, war es schon Mitte August und die Produktion lag weit hinter dem Plan zurück.

Zurück in die Gegenwart

Und genau in diesem Zeitraum fand die eingangs erwähnte Besprechung statt. Kannich und seine Kollegen versuchten wenigstens den Meistern der Werkstätten verständlich zu machen, warum es nun Scrum sein muss.

Nachdem Bastulus tosend den Raum verlassen hatte, ergreift der Meister der Spielzeugautoproduktion das Wort: „Ich versuche es Ihnen noch einmal zu erklären, wie das bei uns funktioniert: Kinder wünschen sich ein Auto. Die schreiben vielleicht noch auf Ihren Wunschzettel, dass es ferngesteuert sein soll oder ein Rückzugsauto. Das war‘s dann schon. Wenige wünschen sich auch die konkrete Farbe – alles kein Problem. Wir haben eine eingespielte Produktion. Ich als Meister schaue mir einmal in der Woche die Wunschzettel an und bilde daraus Produktionsaufträge. Also sagen wir mal, da sind 36 ferngesteuerte Autos gewünscht, dann schreibe ich das auf den Produktionsauftrag. Den hänge ich auf das Auftragboard in der Produktion. Sobald eine Produktionsstraße mit Ihrem Auftrag fertig ist, holen die sich einen neuen Auftrag vom Board und starten die Produktion. So wissen wir genau, was wo in der Produktion ist. Da wir wissen, wie lange die Fertigung eines Autos einer bestimmten Konfiguration dauert, wissen wir auch, ob wir die Arbeitsaufträge, also die Wünsche, bis zum Weihnachtsfest erfüllen können. Sehen wir, dass das schwer wird, holen wir uns Verstärkung aus anderen Werkstätten.“

„Aber Sie müssen doch mit Ihren Kunden reden, was genau die wollen!“, erwidert Franz Fäustchen zum wiederholten Mal. „Nein, müssen wir nicht!“, tönt die sonore Stimme des Weihnachtsmanns durch den Raum. Keiner weiß wie lange er schon da stand und zu hörte. „Das genau ist der Zauber des Weihnachtsfestes – die Kinder haben Wünsche und sie wissen nicht, welche Wünsche erfüllt werden und was genau unter dem Weihnachtsbaum liegen wird. Wo bleibt denn sonst die Vorfreude, wenn die Kinder schon alles wissen? Ich glaube, in Ihrer Sprache wäre das die Unique Selling Proposition – unser Alleinstellungsmerkmal.“ führt der Weihnachtsmann ruhig weiter aus. „Herr Kannich ich möchte Sie, alle Werkstattmeister und Schenkulus in zehn Minuten in meinem Haus sehen.“, sagte der Weihnachtsmann und verließ den Raum.

Alles auf Anfang

Neun Minuten später war das Wohnzimmer vom Weihnachtsmann voll – alle Werkstattmeister, Schenkulus, Bastulus sowie Fridolin und Alva waren anwesend – und natürlich Herr Kannich. Der Weihnachtsmann ergriff das Wort: „Ich habe mich ein wenig erkundigt. Wir sind in einem starken Rückstand mit der Geschenkeproduktion, richtig?“ Die Werkstattmeister nickten und Schenkulus sagte kleinlaut: „Gemessen am Vorjahr haben wir einen Monat im Rückstand. Ich habe keine Idee, wie wir das aufholen können. Schon gar nicht, mit der anhaltenden Transformation. Die Widerstände bei den Dorfbewohnern sind zu groß.“ „Nein, Schenkulus das sind nicht die Dorfbewohner. Erinnerst Du Dich an meine Bedenken aus dem März? Ich hatte Dir gesagt, dass ich der Meinung bin, dass das das falsche Werkzeug für unsere klassischen Produkte ist. Alles was bis heute passiert ist, bestärkt mein Gefühl. Deswegen stoppe ich diese Transformation sofort.“

„Herr Weihnachtsmann, das ist das Schlimmste, was Sie in so einer Situation machen können.“, erwidert Kannich in einem väterlich, herablassenden Tonfall, „wenn Sie“, weiter kam der Berater nicht. „Herr Kannich, von Ihnen möchte ich jetzt nichts hören. Da Sie nicht erkannt haben oder erkennen wollten, dass unser fluss-orientiertes Produktionssystem sehr gut funktioniert, stehen wir heute an dem Punkt, an dem wir stehen. Sie wollen auf Teufel komm raus diese Scrum einführen – ohne Rücksicht auf das, was wir tun und wie wir es tun. Damit ist jetzt Schluss!“
An die Werkstattmeister gewannt, fragt der Weihnachtsmann: „Wie holen wir den Rückstand wieder auf?“ Die angesprochenen dachten schon die ganze Zeit über die möglichen Wege nach. Trotz der vielen Minuten des Nachdenkens, schauten sie ratlos.

Gefühlt einen ganzen Winter war es nun schon still und fast genauso kalt im Wohnzimmer des Weihnachtsmanns. Da meldet sich Alva zu Wort: „Schenkulus, Du hast gesagt, dass das Ziel der Transformation ist, dass wir schon im November mit den Geschenken fertig sind.“ „Ja, richtig.“, antwortet der Angesprochene betrübt. „Gut. Steht das auch in den Verträgen mit der Beratungsfirma?“ „Ja, sicher. Von dem Ziel war Herr Kannich begeistert.“, antwortet Schenkulus und hatte keine Idee, wohin das führen soll.“

„Weihnachtsmann, wenn das in den Verträgen steht und wir jetzt sehen, dass es auf dem Weg nicht erreicht werden kann, müssen wir uns einen anderen Weg suchen.“ „Sprich weiter Alva, was hast Du im Kopf?“ „Naja, wenn die ganzen Berater mit in der Geschenkeproduktion arbeiten und wir sofort wieder zum alten System zurückkehren, dann können wir das schaffen.“, fährt Alva fort. Der Weihnachtsmann strich sich mehrfach durch seinen schneeweißen Bart. Die Wartezeit führte dazu, dass Herr Kannich weiß im Gesicht anlief. Bevor dieser sich durchringen konnte, etwas zu sagen, ergriff der Weihnachtsmann das Wort: „Die Idee gefällt mir! Herr Kannich: Sie sind in der Pflicht den Vertrag zu erfüllen. Wir werden den Vorschlag von Alva aufgreifen. Sie und Ihre Kollegen werden tatkräftig dazu beitragen, dass wir die Geschenke rechtzeitig fertig bekommen. Ob das Ende November oder erst kurz vor dem Fest ist, ist dabei nicht so wichtig. Diese Verlängerung bekommen Sie.“ So schloss der Weihnachtsmann und beendete das Treffen in seinem Wohnzimmer mit den Worten: „Jetzt aber los, alle an die Arbeit!“

Die Berater machten sich nach wenigen Tagen gar nicht so schlecht in der Geschenkeproduktion. Sie waren so flink, dass Mitte Dezember alles erledigt war und Weihnachten wie immer stattfand. Niemand außerhalb des Weihnachtsmanndorfes hat je von den Problemen erfahren.

Bildquellen/Copyright:

  • santa-goes-agile: Robert Sieber
Robert Sieber
 

Robert Sieber ist Ex-CIO, Podcaster und Servicenerd. Seine Vision ist eine interne IT, die sich genauso einfach buchen, nutzen und bezahlen lässt, wie die Fahrt mit dem Taxi. Als Berater und Coach packt er ganz praktisch und pragmatisch bei seinen Kunden an, um echte Serviceorientierung zu dauerhaft zu etablieren. Robert Sieber vertritt einen pragmatischen und geschäftsfokussierten Weg für Service-Management. Als Berater sind für ihn gesunder Menschenverstand und offene Kommunikation wichtiger als Frameworks und Best Practices.

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