Mehr Nachhaltigkeit - 5 konkrete Tipps für jeden CIO
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5 konkrete Tipps, was Du als CIO für mehr Nachhaltigkeit tun kannst

Die IT hat einen immer weiter steigenden Anteil an den CO2 Emissionen weltweit. Da ist die Frage berechtigt, ob Nachhaltigkeit ein Thema für die CIO ist. Ich möchte Dir in zwei Podcastfolgen Ideen und Anregen geben, wie Du mit einfachen Mitteln und nicht so einfachen Verhaltensänderungen ziemlich leicht einen Beitrag leisten kannst.


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Kurz nach Weihnachten hätte es Michael Ghezzo beinah geschafft, dass Du noch eine Podcastfolge zu hören bekommst. Er hat mich in einem Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit getagged und gefragt, ob Nachhaltigkeit eine Aufgabe für den CIO ist.

Wie siehst Du das? Klares ja, oder? Bevor wir da voreilig Konsens haben, lass uns mal schauen, was Nachhaltigkeit überhaupt bedeutet. Ich finde die Geschichte des Begriffes ziemlich interessant:

Der Begriff bedeutet im ursprünglichen Wortsinn „längere Zeit anhaltende Wirkung“. Diese Definition wurzelt im forstwirtschaftlichen Denken und wurde erstmals 1560 in der kursächsischen Forstordnung erwähnt, um trotz hohem Holzbedarf für die Bergwerke eine fortlaufende Nutzung sicherzustellen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Die „nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder“ verhindert das gänzliche Abholzen und gewährleistet die natürliche Regenerationsfähigkeit des Waldes, weil immer nur so viel Holz entnommen wird, wie nachwachsen kann. Der Forstwirt Hans Carl von Carlowitz prägte den Begriff und beschrieb 1713 das Dreieck von ökologischem Gleichgewicht, ökonomischer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit.

Du hörst, es ist kein neues Thema. Weiter schreiben die Kollegen auf www.wir-leben-nachhaltig.at:

Traditionelle Lebensweisen in vorindustrialisierten Gesellschaften waren in ihren Auswirkungen nachhaltiger als die moderne Industriegesellschaft. Die Menschen waren unmittelbar auf ein bestimmtes Gebiet zur Nahrungsproduktion und als Wohnraum beschränkt, wodurch ein natürliches Interesse am Weiterbestehen dieses Ökosystems bestand. In vielen indigenen Kulturen wurde über Mythen, Rituale und Tabus versucht, Änderungen der Lebensumwelt und der Ökosysteme gering zu halten.

Ich glaube, das ist genau der Punkt, warum es bei uns nicht so recht mit der Nachhaltigkeit klappen will. Wenn die Menschen früher im Erzgebirge den Wald für das Bergwerk abgeholzt hätten, dann hätten das unmittelbar alle vor Ort gespürt: Kein Wald bedeute sofort und unmittelbar:

  • Kein weiterer Ausbau der Bergwerke.
  • Viel weniger Nahrung, da der Wald mit seinen Tieren und essbaren Früchten und Pflanzen nichts mehr liefert.
  • Frieren im Winter, weil kein Feuerholz mehr da ist.
  • Kein Neubau von Häusern und Befestigungsanlagen.
  • Zeitintensiver, aufwendiger, teurer und vor allem unsichere „Import“ von Holz aus anderen Regionen

Ganz viele Gründe, warum es den Menschen, selbst denen, die von einem Abholzen kurzfristig profitiert hätten, klar war, dass sie das nicht tun sollten.

Genau diese unmittelbare, erfahrbare Auswirkung haben wir heute nicht. Afrika, Asien und der Amazonas sind weit weg. Ja, es ist schlimm, dass … aber bei uns ist doch alles in Ordnung.

Ja, ich verkürze hier sicher etwas. Dennoch bin ich mir sicher, dass das Beschriebene ein Teil des Problem ist: Wir müssen Lösungen für Probleme finden, die wir selbst nicht so recht spüren. Wir brauchen den Willen, uns über unsere eigene Existenz hinaus verantwortlich zu fühlen, für das, was auf unserer Erde passiert. Das fällt offensichtlich vielen so schwer. Sonst wären wir nicht in der Situation, in der wir aktuell sind.

KI als Stromfresser

Die IT braucht Strom! IT braucht zweimal Strom! Einmal erzeugen wir gerade im Data Center ganz viel heiße Luft, die wir dann größtenteils durch den erneuten Einsatz von Strom kühlen. Das ist doch paradox, oder? Und wir verbrauchen viel Strom.

Bei meiner Recherche zu dieser Folge bin ich über eine Studie der Universität Massachusetts gestolpert: Die drei Wissenschaftler haben ermittelt, dass beim Erstellen und Trainieren eines Modells für die Erkennung und Verarbeitung natürlicher Sprache 280.000 Tonnen CO2 emittiert werden. Das ist so viel wie fünf Autos über ihre gesamte Lebensdauer erzeugen.

Die Wissenschaftler bemängeln, die Art und Weise, wie das Modell trainiert wird. Sie sagen, dass die Intelligenz der von uns verwendeten Algorithmen einen entscheidenden Einfluss auf die Anzahl der notwendigen Operationen und damit den Stromverbrauch haben. Heute werden diese Modell wohl quasi im Brute-Force-Verfahren trainiert. Es kommt dadurch zu ganz vielen Operationen und damit dem hohen Stromverbrauch.

Daran schließen sich aus meiner Sicht zwei Fragen, die wir uns immer wieder stellen dürfen – insbesondere, wenn es um eigen entwickelte Software geht:

  1. Können wir einen Dienst nutzen, der uns die Funktionalität bietet oder müssen wir das Rad wirklich neu erfinden?
  2. Ist die Art und Weise, wie wir es programmiert haben, wirklich gut oder gibt es intelligentere Algorithmen, die zum Ziel führen.

Das Beispiel mit der KI ist für mich so interessant, da gerade fast alle Service-Management-Tool-Hersteller ihre eigenen Engines programmieren und vor allem auch bei jedem Kunden anlernen müssen. Muss das sein?

Ein sehr plakatives Beispiel mit wahrscheinlich nicht so viel Relevanz für Deine tägliche Arbeit. Deswegen zwei Beispiel, mit denen Du sicher mehr anfangen kannst:

Der Client hat viel Potential für mehr Nachhaltigkeit

Lass uns die Clientlandschaft in Deinem Unternehmen betrachten. Wie ist das bei Dir – werden die Rechner zum Feierabend ausgeschalten? Ich kenne nicht zu wenige Unternehmen, da lässt die Mehrheit den Rechner gern an. Lass uns das mal kurz im Kopf überschlagen. Ein PC im Leerlauf verbraucht um die 80 Watt. Wenn wir sagen, dass der Mitarbeiter 10 Stunden am Tag im Büro ist, dann läuft er weitere 14 Stunden im Leerlauf. Am Tag kostet Dich das etwas mehr als 1 kWh – im Jahr sind das schon mal ganze 408 kWH.

Dein Unternehmen hat vielleicht 500 Arbeitsplätze und wir gehen davon aus, dass 50% unnötig die Nacht durchlaufen – da sind wir schon bei 102.000 kWh. Laut der Daten von 2017 des Bundesumweltamts sind das im deutschen Strommix 486 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. In unserem Beispiel 49,5 Tonnen CO2 für nichts und wieder nichts.

Wenn Du jetzt schon im Kopf die Stromkosten überschlagen hast und denkst, Mensch da lässt sich ja viel Geld sparen, muss ich Dich etwas enttäuschen. Der Strompreis für die Industrie liegt ungefähr 10 Cent unter dem, was wir zu Hause bezahlen. Bei der Stromabnahme allein durch die Leerlaufleistung der PCs liegt der kWh-Preis bei ungefähr 17 Cent (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/155964/umfrage/entwicklung-der-industriestrompreise-in-deutschland-seit-1995/). Insgesamt pro Jahr 17.340 Euro.

Fährst Du den PC in den Ruhezustand, dann verbraucht er nur noch zwischen 2 und 15 Watt. Das sind zwischen 2.555 und 19.162 kWh oder nur noch 1,2 und 9,3 Tonnen CO2 pro Jahr. Du ersparst der Umwelt und damit uns also mindestens 40 Tonnen CO2 im Jahr.

Ja, die beiden Bildschirme am Arbeitsplatz darfst Du gern in die Rechnung mit einbeziehen. Und auch die Drucker. Die habe ich weggelassen, da es eh schon ziemlich schwer ist, die ganzen Zahlen auf dem Audiokanal nachzuvollziehen.

Dein Aufwand die Einsparung mittels Ruhezustand zu erreichen, ist ziemlich gering: Er beschränkt sich auf die Konfiguration der Energieeinstellungen in den Group Policys von Windows und das sollte inklusive Testen doch an einem Tag erledigt sein, oder?

Diesen Beitrag können wir alle leisten! Den müssen wir alle leisten. 2017 gab es etwas mehr als 15.000 Unternehmen (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1929/umfrage/unternehmen-nach-beschaeftigtengroessenklassen/) in Deutschland, die mindestens 250 Mitarbeiter haben. Im Schnitt haben die alle mehr als 500 Rechner und damit wahrscheinlich im Schnitt auch 250 Rechner, die in der Nacht durch laufen. Wir sprechen hier also insgesamt über 600.000 Tonnen CO2 im Jahr.

So viel CO2 wie 4.400 Flüge nach Mallorca

Das sind umgerechnet 800.000 Menschen, die von Düsseldorf nach Mallorca fliegen. Also 400.000 Menschen, die Urlaub auf Mallorca machen. Oder so um die 4.400 vollausgelastete Flüge mit einem Airbus A320 und 180 Sitzplätzen. Wenn Du von Düsseldorf nach Mallorca fliegst, dann emittiert das Flugzeug pro Passagier 0,75 Tonnen CO2.

Ich habe Dir dieses relativ einfache Beispiel so genau auseinander genommen, damit Du eine Idee bekommst, wie Du den Verbrauch und damit die Emission berechnest. Das setzt sich im Prinzip für alle anderen Beispiele die noch kommen fort.

Wir könnten noch viel weiter ins Detail gehen: Wie ist der PC aufgebaut? Wie viel Strom verbrauchen die einzelnen Komponenten? Welchen Wirkungsgrad hat das Netzteil? Und so weiteren.

Die nächste Frage, die sich anschließt ist: Brauchen wir denn in der betriebsarmen Zeit die ganzen Ressourcen im Rechenzentrum?

Nachhaltigkeit ist viel mehr als nur der Stromverbrauch

Wobei, lass uns noch kurz beim Endgerät bleiben. Wie lange nutzt Ihr diese bei Dir im Unternehmen? Drei Jahre? Fünf? Was passiert mit defekten Geräten?
Der PC verbraucht ja nicht nur Strom im Betrieb. Er verbraucht auch Strom in der Herstellung. In ihm stecken Edelmetalle, seltene Erden und andere knapp Rohstoffe. Rohstoffe, die unter fragwürdigen Bedingungen für Mensch und Umwelt gewonnen werden. Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass wir die Geräte so lange wie möglich nutzen.

Ich möchte nicht ins Detail gehen, sondern von der Seite oeko-fair.de zitieren: „Etwa 19.000 kg Rohstoffe sind, einschließlich der zur Energiegewinnung nötigen Brennstoffe, insgesamt nötig, um einen einzigen PC herzustellen. Neben rund 1.500 Litern Wasser, 22 kg chemischer Stoffe und 240 kg fossile Energieträger sind es auch Edel- und Schwermetalle, die einen Rechner überhaupt erst funktionstüchtig machen: Kupfer, Zinn, Gold, Coltan-Erz und viele andere Metalle aus allen Teilen der Welt stehen so unbemerkt auf und unter Millionen Schreibtischen. Ihre Gewinnung erfolgt allzu oft unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen und bringt nicht selten schwere ökologische Schäden mit sich.“ Link dazu findest Du im Blog.

Mach Dir also bitte Gedanken, wie lange ihr den PC nutzen könnt. Wie könnt Ihr mit Aufrüstung die Nutzungsdauer verlängern? Braucht es ggf. eine Neuinstallation, damit der PC nach 5 Jahren immer noch gut genutzt werden kann? Brauchen die Mitarbeiter wirklich PC und Notebook? Ein Rechner reicht, oder?

Wie läuft ein sinnvoller Reparaturprozess ab? Ich wollte mein Notebook reparieren lassen. Keine konnte mir sagen, wie lange es dauern wird – aber mindestens zwei Wochen. Wie soll ich in den zwei Wochen beim Kunden arbeiten? Denk vorher drüber nach!
Wie wird entsorgt?

Ein wichtiger Hinweis: Wenn Du das Lifecycle-Management ausgelagert hast, dann macht das erstmal weniger Arbeit. Es entbindet Dich nicht von der Verantwortung! Die bis hier genannten Punkte darfst Du gern mit Deinem Dienstleister diskutieren und so festlegen, dass es wirklich nachhaltig ist.

Für mich die überraschende Erkenntnis aus meiner Recherche: Das Endgerät habe ich in meinem bisherigen IT-Leben immer total ignoriert. Es ist da und muss funktionieren – die Intelligenz sitzt davor und im Rechenzentrum. Unter dem ökologischen Blickwinkel, spielt das Endgerät eine wichtige Rolle. Das darf ich nicht links liegen lassen.

Zurück zum Rechenzentrum und meiner Dir gestellten Frage: Brauchen wir denn in der betriebsarmen Zeit die ganzen Ressourcen im Rechenzentrum?

Viel heiße Luft – viel zu kalt

Wahrscheinlich hast Du auch eine „Grundlast-IT“. Eine IT, die immer laufen muss und der Du im laufenden Betrieb nicht einfach Ressourcen wegnehmen kannst. Im Prinzip wäre es doch einfach – nehmen wir das ERP. Tagsüber arbeiten viele Nutzer damit und es werden entsprechend Ressourcen benötigt. Spätestens ab 18 Uhr ist die Nutzung so gering, dass die Hälfte das Arbeitsspeichers und der CPUs ohne Probleme für den Betrieb ausreichen. Du nimmst Sie den ERP Servern einfach weg.

Inwieweit das technisch funktioniert und es wirklich einfach ist, hängt von Deinem Betriebssystem und der Applikation selber ab. Wenn Du das bei allen oder vielen Servern machst, dann kannst Du die Anzahl der nachts benötigten Virtualisierungshosts verringern. Weniger zur Verfügung stehende Ressourcen bedeutet automatisch weniger Verbrauch von Strom.

Im Rechenzentrum kommt erschwerend ja noch das Thema Kühlung dazu. Die Geräte erzeugen viel heiße Luft und wir kühlen sie aufwendig runter. Dazu gibt es ganz verschiedene Verfahren angefangen von der einfachen Raumkühlung über die Kühlung über den Doppelboden, Warm- und Kaltgang oder die geschlossenen Racksysteme.

Das aus meiner Sicht größte Problem ist allerdings die Temperatur selbst. Wie warm darf es bei Dir im Rechenzentrum oder Serverraum werden? 20 °C, 25 °C oder mehr oder weniger? Ich hatte mal einen Kollegen, da durfte es nicht mehr als 18 °C im Serverraum werden. Da legte er Wert drauf.

Die American Society of Heating, Refrigeration and Air-Conditioning Engineers kurz ASHRAE hat Richtlinien für Rechenzentrumsverantwortliche (PDF) entwickelt, die uns u.a. sinnvolle Anhaltspunkte für die Temperatur im Rechenzentrum und Serverraum geben. ASHRAE spricht von einem für alle Geräte sicheren Temperaturbereich der Raumluft von 15 bis 27 °C. Je nach Equipmentklasse geht es sogar bis 45°C. Dem folgend, nehme ich an, dass es bei Dir im Rechenzentrum zu kalt ist. Das ist aus meiner Sicht ein sinnvoller Ansatzpunkt, um Energie zu sparen.

Damit Du jetzt nicht blind die Klimaanlage veränderst, kannst Du bei Deinen Geräten die entsprechenden Temperatursensoren und die Umdrehungsgeschwindigkeit der Lüfter überwachen. So siehst Du, welche Auswirkungen die Erhöhung der Temperatur hat.

Schon paradox: wir erzeugen heiße Luft mit Strom und setzen noch mehr Strom ein, um die Luft wieder abzukühlen. Glücklicherweise gibt es heute Konzepte, die Abwärme von Rechenzentren für sinnvolle Zwecke zu nutzen. Sie werden nur viel zu selten eingesetzt.

An der Stelle beende ich den ersten Teil der Nachhaltigkeitsgedanken und setz in der nächsten Folge damit fort.

Bildquellen/Copyright:

  • Nachhaltigkeit – Aufgabe des CIO?: Robert Sieber
Robert Sieber
 

Robert Sieber ist Ex-CIO, Podcaster und Servicenerd. Seine Vision ist eine interne IT, die sich genauso einfach buchen, nutzen und bezahlen lässt, wie die Fahrt mit dem Taxi. Als Berater und Coach packt er ganz praktisch und pragmatisch bei seinen Kunden an, um echte Serviceorientierung zu dauerhaft zu etablieren. Robert Sieber vertritt einen pragmatischen und geschäftsfokussierten Weg für Service-Management. Als Berater sind für ihn gesunder Menschenverstand und offene Kommunikation wichtiger als Frameworks und Best Practices.

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